Jerusalem – Teich Siloah

Oct 27, 2026 · @Paul Murdoch

Auf einen Blick

Der Teich Siloah im Süden der Davidstadt ist eine der wichtigen Stätten Jerusalems, die im Alten wie im Neuen Testament genannt werden. Seit Ende 2022 wird er erstmals vollständig ausgegraben. Die Ergebnisse haben unser Bild deutlich verändert: Ein gewaltiger Staudamm aus der Zeit der Könige Joasch oder Amazja (um 800 v. Chr.) bildet die Grundlage des Teiches, und die Ausmaße des Teiches sind enorm. Die Frage, wo genau der Blinde aus Johannes 9 sich wusch, wird wieder diskutiert. Manche vermuten, dass es doch der kleine Teich am Ausgang des Hiskiatunnels war, wobei dieser – jedenfalls in seiner heutigen Form, nicht tief genug für eine Mikwe ist.

Der Teich in der Bibel

Die Bibel nennt Siloah über rund 700 Jahre hinweg. Die Stellen zeigen, dass der Ort schon zur Königszeit Judas eine feste Größe war, nicht erst zur Zeit Jesu.

BibelstelleInhaltZeit
Jesaja 8, 6„die Wasser zu Siloah, die stille gehen“ als Bild für Gottes Fürsorge. Schon zu diesem Zeitpunkt muss der Teich so groß gewesen sein, dass der Wasserfluss durch den Teich kaum bemerkbar war.8. Jh. v. Chr.
2. Könige 20, 20; 2. Chronik 32, 30Hiskia leitet das Wasser der Gihonquelle in die Stadtum 700 v. Chr.
Nehemia 3, 15Mauer am „Teich Schelach“ beim Königsgarten wird wieder aufgebaut5. Jh. v. Chr.
Lukas 13, 4der eingestürzte Turm in Siloah1. Jh. n. Chr.
Johannes 9, 7Jesus sendet den Blindgeborenen zum Waschen an den Teich Siloah1. Jh. n. Chr.

Forschungsgeschichte

Der Teich wurde über 130 Jahre hinweg immer nur in Teilen sichtbar. Erst seit 2022 ist eine vollständige Freilegung möglich.

JahrEreignis
1890erFrederick Jones Bliss und Archibald Campbell Dickie legen einige Stufen frei (City of David)
1960erKathleen Kenyon gräbt am Ort (JNS)
2004Bei Kanalarbeiten werden Steinstufen aus der Zeit des Zweiten Tempels entdeckt; Ronny Reich und Eli Shukron graben sie aus (Wikipedia)
Dez. 2022Die Israelische Altertümerbehörde kündigt die vollständige Ausgrabung an, gemeinsam mit der Nationalparkbehörde und der City of David Foundation (City of David)

Die 2004 gefundenen Stufen sind die, die auf unserem bisherigen Foto zu sehen sind. Der angrenzende Garten mit Ölbäumen, unter dem man den eigentlichen Teich vermutete, war lange nicht zugänglich; nach einem Besitzerwechsel konnte dort gegraben werden (Armstrong Institute).

Die neuen Grabungen seit 2022

Die vollständige Freilegung hat eine bisherige Annahme hinterfragt: Das große Becken ist als Ganzes – in komplett gefülltem Zustand – zu tief, um nur als rituelles Tauchbad (Mikwe) gedient zu haben (All Israel News). Das eine schließt aber das andere nicht aus. Eine zuverlässige Versorgung mit Wasser war für Jerusalem, wie für jede Stadt, immer oberste Priorität. Neue Kernbohrungen vom Toten Meer zeigen, dass lange Perioden von Trockenheit, unterbrochen durch heftige Regenfälle mit Sturzfluten, die Stadtplaner nicht nur zum Bau des Hiskiatunnels bewegt haben, auch der neu entdeckte Staudamm diente dazu, dass bei Sturzfluten möglichst viel Wasser ins Teich gelenkt und aufbewahrt werden konnte. Damit ist nicht gesagt, dass die 2004 entdeckten Stufen nicht zu dem Teich gehören, den Johannes 9 und die Mischna meinen (Approaching Jerusalem).

  • Für Hiskia ergibt sich ein klareres Bild: Er leitete das Wasser durch seinen Tunnel in einen Teich, der bereits bestand (All Israel News).

Die biblische Angabe, dass Hiskia „den Teich und die Wasserleitung“ anlegte (2. Könige 20, 20), wird dadurch nicht widerlegt. Sie lässt sich nun als Ausbau eines älteren Systems verstehen.

Der Staudamm aus der Zeit des Joasch (2025)

Im August 2025 wurde der größte bisher in Israel gefundene antike Staudamm vorgestellt. Er entstand zwischen 805 und 795 v. Chr., also unter König Joasch oder seinem Nachfolger Amazja (TPS).

MerkmalBefund
Höheetwa 12 m
Stärkeüber 8 m
Freigelegte Länge21 m, setzt sich jenseits der Grabung fort
Datierung805–795 v. Chr., Genauigkeit rund 10 Jahre
AusgräberDr. Nahshon Szanton, Itamar Berko, Dr. Filip Vukosavović (Altertümerbehörde)
Datierung durchDr. Johanna Regev und Prof. Elisabetta Boaretto (Weizmann-Institut)

Quelle der Tabelle: City of David.

Wie datiert wurde: Im Mörtel des Damms steckten Strohhalme und Zweige, die beim Bau hineingeraten waren. Ihre Radiokarbondatierung erlaubt eine ungewöhnlich genaue Bestimmung (Archaeology Magazine).

Wozu er diente: Der Damm fing das Wasser der Gihonquelle auf und lenkte zugleich Sturzfluten aus dem Tyropoiontal zum Kidron ab (TPS). Klimadaten aus Bohrkernen des Toten Meeres und der Soreq-Höhle zeigen für diese Zeit wenig Regen, unterbrochen von heftigen Unwettern (TPS).

Ein Gesamtsystem: Turm und Kanal an der Gihonquelle ergaben ähnliche Daten. Zusammen zeugen sie von einer planvollen Wasserversorgung Jerusalems schon im späten 9. Jahrhundert v. Chr. (ebd.).

Veröffentlicht ist die Studie in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) 2025.

Was offen bleibt

Zwei Fragen sind derzeit nicht abschließend beantwortet.

  • Der Teich aus Johannes 9: Dass es zur Zeit Jesu einen Teich Siloah gab, ist unbestritten. Ob die Stufen von 2004 zu ihm gehören oder ob das Tauchbecken der Pilger an anderer Stelle lag, wird wieder diskutiert. Wir müssen bei alem im Kopf behalten, dass gerade zu den Zeiten der großen Festen mit zig-tausenden Pilgern aus ganz Israel und Juda, große rituelle Badeanlagen in der Nähe der Zugänge zur Stadt gebraucht wurden. Am Essenertor und Schafstor wie am Ophel sind solche ausgegraben worden. Für alle, die aus Judäa und aus Galiläa, die den Weg über Jericho genommen haben, wäre der Teich Siloah nicht überdimensioniert gewesen. Es ist wahrscheinlich, dass der Teich sowohl als Wasserresorvoir als auch als rituelles Reinigungsbad gedient hat.
  • Der Teich der Hiskia-Zeit: Seine genaue Lage ist bisher nicht nachgewiesen. Vermutet wird er unter dem späteren Teich oder im Garten südlich davon (Biblical Archaeology Society).

Wir werden diese Seite ergänzen, sobald die Grabungsergebnisse veröffentlicht sind.

Bedeutung für das Bibelverständnis

Der Damm belegt ein leistungsfähiges Königtum in Jerusalem um 800 v. Chr. – zu einer Zeit, für die manche Forscher Juda noch als unbedeutendes Kleinkönigtum ansahen.

  • Die Bauberichte über Joasch (2. Könige 12; 2. Chronik 24) erhalten einen archäologischen Hintergrund, auch wenn der Damm dort nicht eigens erwähnt wird.
  • Jesajas Bild von den „stillen Wassern zu Siloah“ (Jesaja 8, 6) bezog sich auf eine damals schon rund hundert Jahre alte, eindrucksvolle Anlage.
  • Hiskias Tunnel (2. Könige 20, 20) erscheint als Teil eines größeren, gewachsenen Wassersystems.
  • Für Johannes 9 gilt: Der Ort ist gesichert, seine genaue Gestalt zur Zeit Jesu wird gerade neu erforscht.

Das Beispiel zeigt, wie sich Archäologie und Bibeltext gegenseitig erhellen: Neue Funde bestätigen nicht nur, sie verändern auch unser Bild – und laden dazu ein, den Text genauer zu lesen.

Literatur und Quellen

Fachveröffentlichung

  • J. Regev, N. Szanton, F. Vukosavović, I. Berko, Y. Shalev, J. Uziel, E. Mintz, L. Regev, E. Boaretto: Radiocarbon dating of Jerusalem’s Siloam Dam links climate data and major waterworks. Proceedings of the National Academy of Sciences 122 (35), 2025, e2510396122. doi:10.1073/pnas.2510396122

Berichte und Pressemitteilungen

Einordnung und Diskussion

Redaktionelle Hinweise (nicht veröffentlichen)

Vor der Veröffentlichung bitte prüfen und diesen Abschnitt dann löschen.

  • Die Aussage „zu tief für eine Mikwe“ stammt aus einem populären Bericht. Bitte an einer Veröffentlichung der Altertümerbehörde oder einem Fachaufsatz gegenprüfen.
  • Das Foto von Erhard Bisanz behalten, die Bildunterschrift aber anpassen: Stufen von 2004, Zuordnung zu Johannes 9 derzeit offen.
  • Rechte für ein Foto des Damms klären (Altertümerbehörde oder City of David).
  • Zitat Jesaja 8, 6 an die auf der Seite übliche Bibelübersetzung angleichen.
  • Querverweise setzen: „Könige nach der Reichsspaltung – Siloah-Tunnel“ und „Könige nach der Reichsspaltung in Israel und Juda“.
  • Überlegen, ob ein neutraler Satz zur Lage in Silwan (Ost-Jerusalem) und zur Beteiligung der City of David Foundation aufgenommen wird; beides ist politisch umstritten (Live the Ark Life).

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