Oct 27, 2026 · @Paul Murdoch
Auf einen Blick
Zwei Forschungsprojekte haben das Bild der Grabeskirche seit 2016 deutlich geschärft. Die Restaurierung der Grabesädikula zeigte, dass die Grabanlage schon unter Kaiser Konstantin um 345 n. Chr. ausgestaltet wurde. Die Grabungen unter dem Kirchenboden seit 2022 belegen, dass auf dem früheren Steinbruchgelände ein Garten mit Ölbäumen und Weinreben lag – so wie es Johannes 19, 41 beschreibt.
Golgatha und das Grab in den Evangelien
Die neutestamentlichen Texte nennen drei Ortsmerkmale, die sich archäologisch prüfen lassen: außerhalb der Stadt, nahe an der Stadt, und ein Garten mit einem neuen Felsengrab.
| Bibelstelle | Ortsangabe |
|---|---|
| Johannes 19, 17 | Golgatha, „Schädelstätte“ |
| Johannes 19, 20; Hebräer 13, 12 | nahe der Stadt, aber außerhalb des Tores |
| Johannes 19, 41–42 | ein Garten an der Kreuzigungsstätte, darin ein neues, unbenutztes Grab |
| Matthäus 27, 60; Markus 15, 46 | ein in den Fels gehauenes Grab, verschlossen mit einem Stein |
| Markus 15, 47 | die Frauen sehen, wohin Jesus gelegt wird |
Die heutige Kirche liegt innerhalb der Altstadtmauern. Zur Zeit Jesu verlief die Stadtmauer jedoch weiter östlich und südlich; das Gelände lag damals außerhalb der Stadt.
Vom Steinbruch zur Kirche
Die Geschichte des Ortes lässt sich heute in mehreren Schichten nachzeichnen, von der Königszeit Judas bis zu den Kreuzfahrern.
| Zeit | Nutzung des Geländes |
|---|---|
| Königszeit bis 1. Jh. v. Chr. | Kalksteinbruch; wegen minderer Steinqualität aufgegeben, Golgatha bleibt als Felskuppe stehen (Kroll, S. 366) |
| 1. Jh. v. Chr. – 1. Jh. n. Chr. | Garten und Begräbnisplatz mit Felsengräbern |
| um 135 n. Chr. | Hadrian lässt das Gelände aufschütten und einen Tempel errichten (Eusebius) |
| um 325/326 | Konstantins Gesandte lassen den Tempel abtragen und finden darunter ein Felsengrab (National Geographic) |
| 1009 | Die Kirche wird vollständig zerstört und später wieder aufgebaut (National Geographic) |
| 12. Jh. | Der heutige Bau geht im Wesentlichen auf die Kreuzfahrer zurück (Fox News) |
Wichtig für die Glaubwürdigkeit der Ortstradition: Die Erinnerung an den Ort überdauerte von der Urgemeinde bis zu Konstantin. Gerade Hadrians Tempel markierte die Stelle ungewollt.
Neue Forschung seit 2016
Die Öffnung des Grabes (2016/17). Bei der Restaurierung der Grabesädikula durch die Technische Universität Athen wurde das Grab am 26. Oktober 2016 für rund 60 Stunden geöffnet (Denver Catholic).
- Unter der Marmorverkleidung lag eine ältere, zerbrochene Marmorplatte mit eingeritztem Kreuz, direkt auf der ursprünglichen Kalksteinbank (National Geographic).
- Der Mörtel darunter wurde auf etwa 345 n. Chr. datiert, also in die Zeit Konstantins. Bis dahin reichten die ältesten Baubefunde am Grab nur bis in die Kreuzfahrerzeit (National Geographic).
- Ein erheblicher Teil der ursprünglichen Grabhöhle ist in den Wänden der Ädikula erhalten (National Geographic).
Die Ergebnisse erschienen 2018 im Journal of Archaeological Science: Reports.
Die Grabungen unter dem Fußboden (seit 2022). Die drei Hauptgemeinschaften – Griechisch-Orthodoxe, Franziskaner und Armenier – ließen den Kirchenboden erneuern. Die begleitenden Grabungen leitet Prof. Francesca Romana Stasolla (Universität La Sapienza, Rom), in Abstimmung mit der israelischen Altertümerbehörde (MECC). Es ist die erste große Restaurierung der Kirche seit fast zwei Jahrhunderten (Fox News).
Der Garten (2025)
Im März 2025 stellte Prof. Stasolla Befunde vor, nach denen das Gelände vor dem Kirchenbau als Garten genutzt wurde (BibleArchaeology.org).
- Pflanzenreste: Pollenanalysen und archäobotanische Untersuchungen ergaben Ölbäume und Weinreben; gefunden wurden auch Olivenkerne, Traubenkerne und Tierknochen (MECC).
- Anlage: Niedrige Steinmauern wurden errichtet und die Zwischenräume mit Erde aufgefüllt, um den aufgelassenen Steinbruch nutzbar zu machen (Abouna).
- Zeitstellung: Nach Lage in den Schichten gehören die Funde in die vorchristliche Zeit; eine Radiokarbondatierung stand bei der Bekanntgabe noch aus (Orthochristian). Stasolla ordnet sie zwischen die Nutzung als Steinbruch und die römische Zeit ein, als das Gelände als Begräbnisplatz diente (Fox News).
Die Abfolge Steinbruch – Garten – Grabstätte entspricht damit genau dem, was Johannes 19, 41 voraussetzt: ein Garten an der Kreuzigungsstätte, darin ein neues Grab. Die vollständige Auswertung und Veröffentlichung wird nach Angabe der Ausgräber noch viele Jahre dauern (Abouna).
Was offen bleibt – und was die Befunde bedeuten
Archäologisch lässt sich nicht beweisen, dass gerade dieses Grab das Grab Jesu war (National Geographic). Die Befunde stützen aber die Ortstradition an drei Punkten:
- Das Gelände lag zur Zeit Jesu außerhalb der Stadt und nahe an ihr (Johannes 19, 20).
- Es war ein aufgelassener Steinbruch mit Garten und Felsengräbern des 1. Jahrhunderts (Johannes 19, 41).
- Die Grabanlage, die Konstantins Leute um 326 freilegten, ist durch die Mörteldatierung als konstantinisch gesichert; die Kirche steht seither ohne Bruch der Tradition an derselben Stelle.
Offen sind die genaue Datierung der Gartenschicht durch Radiokarbonmessungen und die Gesamtveröffentlichung der Grabung. Wir ergänzen diese Seite, sobald die Ergebnisse vorliegen.
Literatur und Quellen
Bücher und Fachaufsätze
- Gerhard Kroll: Auf den Spuren Jesu. Leipzig: Benno, 10. Aufl. 1988.
- Martin Biddle: The Tomb of Christ. Stroud: Sutton, 1999.
- A. Moropoulou u. a.: Bericht zur Mörteldatierung der Grabesädikula. Journal of Archaeological Science: Reports, 2018 (genaue Angabe ergänzen).
- Eusebius von Caesarea: Über das Leben des Kaisers Konstantin, Buch III, Kap. 25–41 (Bibliothek der Kirchenväter).
Berichte
- National Geographic: Age of Jesus Christ’s purported tomb revealed
- National Geographic: What archaeology can and cannot tell us
- Denver Catholic: Opening the tomb of Christ
- Associates for Biblical Research: Traces of Ancient Garden
- MECC: The Stones Speak (Juli 2025)
- Abouna: Ancient garden found beneath Church of the Holy Sepulcher
- Fox News: Interview mit F. R. Stasolla

